Hallo!
Einfach war für mich ja eigentlich noch nie irgendwas, aber gerade die letzten 2 Jahre waren ziemlich bis sehr schwierig. Ich muss dazu sagen, dass ich nie von zu Hause ausgezogen bin, nicht nur wegen der Dialyse und weil es mir früher hinterher immer sehr schlecht ging, sondern weil ich bis vor einigen Jahren auch große Probleme mit dem Reden hatte. Und in einer eigenen Wohnung wäre ich immer nur alleine gewesen. Von meiner "Kernfamilie "( 2 Omas,Großtante, Eltern) sind nach und nach alle gestorben,zuletzt waren nur noch meine Mutter und ich übrig. Ich habe zwar noch einen älteren Bruder und eine ältere Schwester sowie 4 erwachsene Neffen, aber zu meiner Schwester und ihrer Familie habe ich schon ungefähr 20 Jahre keinen Kontakt mehr, und das möchte ich auch nicht mehr, das ist für mich inzwischen abgehakt. Mit Menschen, die sich so niederträchtig und rücksichtslos verhalten wie meine Schwester möchte ich nichts zu tun haben. Vor 6 Jahren hat sie dann den Kontakt zu meiner Mutter abgebrochen weil sie dieses Mal ihren Willen auch mit einer Erpressung nicht bekommen hat. Zu meinem Bruder hatte ich nie ein besonders gutes Verhältnis weil er sich einen Bruder gewünscht hatte, keine Schwester.
Zuletzt habe ich mit meiner Mutter alleine in unserer Wohnung gelebt, da haben wir 38 Jahre gewohnt. Meiner Mutter ging es in den letzten Jahren aber auch immer schlechter, sie konnte kaum noch laufen und nur noch schlecht das Gleichgewicht halten. Mein Bruder hat sich nur ab und zu mal blicken lassen, ich musste immer alleine sehen, wie ich mit allem klar komme. Er konnte immer nur kritisieren was ich alles falsch mache, aber er hat überhaupt nichts gemacht. Wenn wir unsere Nachbarin nicht gehabt hätten, die allerdings jetzt auch schon Mitte 70 ist, wäre alles noch schwieriger geworden. Wie sehr sie meiner Mutter wirklich geholfen hat, habe ich aber erst letztes Jahr erfahren.
Vorletztes Jahr im Sommer bin ich nur knapp an einem künstlichen Darmausgang vorbei gekommen. Eigentlich war ich auf Station weil mal wieder mein Shunt zu war. Aber ich hatte seit ein paar Wochen immer so komische Bauchkrämpfe, als müsste ich ganz dringend zur Toilette. Aber ich habe ja schon ungefähr 33 Jahre keine Ausscheidung mehr. Und ich dachte, wenn ich schon mal da bin, kann ich das auch gleich sagen, falls was gemacht werden muss, könnte man das vielleicht in einem Rutsch machen. Kurz gesagt, es war was, ein Abszess oder so im Bauch, eigentlich sollte ich sofort operiert werden, aber es wäre wahrscheinlich gewesen, dass ich danach einen künstlichen Darmausgang gehabt hätte. Das wollte ich natürlich auf keinen Fall und habe mich standhaft geweigert, mich operieren zu lassen. Ich habe dann mehrmals täglich Antibiotika Infusion bekommen, war 3 oder 4 Wochen im Krankenhaus. Sie haben immer wieder versucht, mich zur Op zu überreden, es kam sogar 2 Mal so eine Schwester, die sich um Patienten mit Stoma kümmert. Aber die Infusionen haben gewirkt. Und letztes Jahr bei einer Ultraschall Untersuchung hat die Ärztin P.-B. gesagt, es wäre nichts mehr zu sehen.
Wie gesagt, ging es meiner Mutter nicht mehr gut. Mir ist vorletztes Jahr auch aufgefallen, dass sie stark abgenommen hat, aber wenn ich sie gefragt hätte, hätte sie mir sowieso nichts gesagt. Ich hatte sie dann endlich soweit, dass sie eine Pflegestufe beantragt hat, aber wurde abgelehnt. Ich war fassungslos, dass meine Mutter im wahrsten Sinne des Wortes kaum noch kriechen konnte, muss auch der Beurteiler gesehen haben. Aber er hat nur einen Badewannenlifter empfohlen. Mein Bruder hat noch Widerspruch eingelegt, aber es war sowieso zu spät. An einem Dienstag morgen Anfang März, als ich morgens aufgestanden bin, saß meine Mutter nicht wie üblich im Wohnzimmer und hat Zeitung gelesen, sondern im Schlafzimmer auf ihrem Bett, aber angezogen. Ich habe sie gefragt, warum sie nicht ins Wohnzimmer kommt, mehrfach, aber sie meinte immer nur:Ja, ich komme. Nachdem ich im Bad gewesen war habe ich wieder nach ihr gesehen, da saß sie auf dem Boden neben dem Bett, hatte wohl versucht aufzustehen. Sie war überhaupt irgendwie komisch an dem Morgen. Ich wusste mir dann nicht mehr anders zu helfen und habe einen Krankenwagen gerufen und meinem Bruder Bescheid gegeben. Der Krankenwagen kam mit 3 Leuten, sie haben meine Mutter ziemlich lange untersucht, dann wollten sie sie mitnehmen. Natürlich wollte sie nicht, aber sie haben sie dann trotzdem mitgenommen. Als meine Mutter im Krankenwagen lag, habe ich sie noch gefragt, ob die Nachbarin zu Hause ist "Nein, die sind weggefahren " war das letzte, was ich von meiner Mutter gehört habe. Sie wurde in das Krankenhaus gebracht, wo ich auch zur Dialyse gehe. Die Nachbarin hatte ihre Tochter mit den 2 Enkeln zu Besuch. Ich habe aufgepasst bis sie nach Hause kamen, und ihr gleich Bescheid gesagt. Bisher hatte ich mit ihr nicht viel zu tun, das war fast nur meine Mutter. Ich sollte ihr gleich Bescheid sagen, wenn ich was höre. Mitten in der Nacht klingelte das Telefon, ich dachte schon, jetzt ist es passiert. Aber es war eine Ärztin von der Intensivstation wo meine Mutter lag. Sie hatten sie wiederbeleben müssen, und sie lag dann im künstlichen Koma.
Am nächsten Tag bei der Dialyse habe ich erzählt was passiert ist. Später war dann noch Oberarztvisite, ich habe mitgekriegt, dass er gesagt hat, er hätte was gelesen, keine Ahnung wieso, meine Mutter hatte ja mit der Abteilung überhaupt nichts zu tun, und daß ihm der Name aufgefallen wäre, aber er war nicht auf die Idee gekommen, daß es meine Mutter sein könnte. Aber an der Reaktion habe ich gemerkt, dass es mit meiner Mutter sehr schlimm gewesen sein musste. Am Nachmittag bin ich mit der Nachbarin zusammen hingefahren, direkt von der Dialyse ging nicht, man durfte erst ab 15 Uhr rein, und 3 Stunden warten nach der Dialyse wäre zu anstrengend gewesen. Es durften pro Tag auch nur 2 Leute für eine Stunde zu ihr. Ich bin dann aber alleine rein, die Nachbarin wollte doch nicht. Zuerst hat eine Ärztin mit mir geredet. Meine Mutter hatte die Grippe, sie lag weiter im künstlichen Koma, die Ärztin hat noch was von einer Blutvergiftung durch eine Entzündung gesagt und noch einiges, aber das habe ich alles gar nicht richtig mitbekommen. Ja,und da lag sie dann, überall Schläuche, und es sah aus als ob sie schläft. Ich habe mit ihr geredet, dass sie bald wieder ganz gesund sein wird und wieder nach Hause kommt, dass draußen herrliches Wetter ist und daß sie sich keine Sorgen machen muss, ich kümmere mich zu Hause um alles, und lauter solche Sachen. Ich hoffe nur, sie hat es noch irgendwie gehört. Bis Freitag war ich jeden Tag da, am Donnerstag zusammen mit meinem Bruder. Am Freitag hatte mir noch ein Arzt gesagt, es würde ihr etwas besser gehen und er wäre guter Hoffnung, dass sie es schafft. Am Samstag konnte ich nicht hin weil mein Bruder mit seinem Sohn hin wollte. Und in der Nacht von Samstag auf Sonntag klingelte dann wieder das Telefon. Es war passiert. Aber Zeit zum Trauern blieb mir eigentlich nicht. Ich bekomme Grundsicherung weil ich wegen der Dialyse nicht arbeiten kann. Deshalb mussten so viele Dinge geklärt und erledigt werden, vor allem musste ich mir eine neue Wohnung suchen. Unsere alte Wohnung war viel zu groß und zu teuer für mich alleine, aber ich habe mich da auch nicht mehr wohlgefühlt alleine, es war irgendwie unheimlich diese Stille. Wenigstens ist der Sachbearbeiter beim Sozialamt sehr nett und hilfsbereit. Aber ohne die Nachbarin hätte ich das mit dem Umzug nie geschafft. Mein Bruder hat mir natürlich nicht geholfen. Und im April, ungefähr 6 Wochen nach dem Tod meiner Mutter, war auch noch mein Shunt mal wieder zu. Ausgerechnet wo ich so viel erledigen musste! Aber der Oberarzt, Dr A., und die Ärztin P.-B. haben mir sehr geholfen. Und ich hatte dann auch endlich mal Glück, ich habe nur 2 Straßen von unserer alten Wohnung entfernt eine neue Wohnung im betreuten Wohnen gefunden. Eine sehr schöne Wohnung, 2 Zimmer, 1. Stock, nette Nachbarn, nicht nur alte Leute, einmal in der Woche gibt es Nachmittags Veranstaltungen, z B. Spielenachmittage oder Kaffeetrinken, immer wenn ich Zeit habe gehe ich da hin. Ich kann das bei der Nachbarin nie wieder gut machen wie sie mir geholfen hat, vor allem beim Aussortieren. Sie hat z.B. für das viele gute Geschirr aus dem Wohnzimmerschrank noch Abnehmer gefunden, und für viele andere Sachen auch, die ich nicht mitnehmen konnte. Da fiel es mir viel leichter mich von den Sachen zu trennen. Ich habe von ihr aber auch ein paar Sachen für die neue Wohnung bekommen, z.B. einen kleinen Tisch für die kleine Küche, der genau da rein passt. Aber als ich eine Kommode im Schlafzimmer ausgeräumt habe, habe ich einen Überweisungsschein gefunden. Verdacht auf Darmkrebs. Sie ist nicht hingegangen, hat sich nichts anmerken lassen, aber sie hat ganz sicher Krebs gehabt, sie hatte ja soviel abgenommen. Am 1. Juli bin ich eingezogen. Ich habe weiter guten Kontakt zur jetzt ehemaligen Nachbarin, ich hebe immer noch die Zeitungen für sie auf. Manchmal machen wir was zusammen, aber sie hat auch immer viel vor. So nach und nach habe ich mich eingerichtet und eingewöhnt. Seit dem letzten Sommer gehe ich einmal im Monat zu einer Trauergruppe, das wird kostenlos von einem konfessionellen Krankenhaus hier angeboten. Die bieten auch noch andere Sachen an, und ich gehe auch seit dem Sommer einmal im Monat zu einer Kreativgruppe. Wir basteln, nähen, häkeln, stricken, malen. .....,jeder was er möchte, aber zu Hause, bei den Treffen wird dann besprochen, gequatscht und die Sachen mit kleinen Etiketten versehen für die nächste Verteilaktion. Die Sachen werden bei verschiedenen Gelegenheiten an die Bewohner von 2 dem Krankenhaus angeschlossenen Pflegeheimen verteilt, aber auch für die Babies und die Sternenkinder, die in dem Krankenhaus zur Welt kommen, sowie deren Eltern werden Sachen gemacht. Bisher habe ich erst einmal bei so einer Aktion mitgemacht, kurz vor Weihnachten. Vor ein paar Wochen Ende März gab es wieder eine, ich hatte mich so drauf gefreut, aber ausgerechnet in der Woche war mein Shunt mal wieder zu und ich war stattdessen im Krankenhaus. Eigentlich läuft alles, aber meine Mutter fehlt mir so sehr, ich bin leider meistens alleine. Bei der Verteilaktion konnte ich letztes Mal nicht mitmachen, die Nachbarin, die dieses Jahr Ostern auch alleine war, hatte den Spaziergang am Ostersonntag abgesagt, ich habe sie zuletzt vor 2 Wochen nur kurz gesehen, letztes Wochenende ist sie spontan zu ihrem Sohn und den Enkeln gefahren, dieses Wochenende ist sie zu ihrem Bruder gefahren, der hat Geburtstag. Diese Woche ist die Trauergruppe ausgefallen, im Mai ist sowieso nicht, da haben die beiden Frauen Urlaub. Die Kreativgruppe nächste Woche fällt auch aus, weil die Leiterin krank ist schon 2 Wochen, und nächste Woche operiert wird. Meine Freundin hat auch keine Zeit, sie muss ja arbeiten und hat Familie und einen Garten. Im Moment geht es mir deshalb nicht besonders, ich bin außer bei der Dialyse immer alleine. Ich hatte früher schon mal versucht, übers Internet Leute kennenzulernen, aber leider musste ich die Erfahrung machen, dass das nicht funktioniert. Die Leute kommen einfach nicht, oder man bekommt keine Antwort mehr, oder es passt ihnen von vornherein nicht, wenn ich schreibe, dass ich nicht in einem Cafe sitzen möchte, weil ich aus gesundheitlichen Gründen mit dem Trinken und auch Essen vorsichtig sein muss, außerdem finde ich das ziemlich langweilig. Ich bin gerade bei schönem Wetter viel lieber draußen unterwegs. Ich will es aber trotzdem nochmal versuchen, evtl treffe ich mich nächste Woche mit jemandem, aber ich rechne jetzt schon damit, dass ich vergeblich warten werde. Und ich weiß ja auch nicht, wie derjenige ist, wir haben uns bisher nur ein paar mal kurz geschrieben. Es gibt auch kein Profilbild. Mal sehen.
Ich dachte, ich gewöhne mich irgendwann daran, dass ich jetzt alleine wohne. Aber meine Mutter fehlt mir so sehr. Von meinem Bruder höre ich auch nichts mehr, zuletzt gesehen habe ich ihn kurz nach dem Umzug im Juli. Wenn ich ihm schreibe kriege ich sowieso keine Antwort, das nervt ihn bloß. Deshalb habe ich ihn jetzt ins Archiv verschoben. Das wars also mit Familie, jetzt bin ich wirklich ganz alleine, habe nur noch die Nachbarin, meine Freundin und meine Brieffreundin. Der Gedanke daran macht mir Angst. Und wenn ich dran denke, dass jetzt zu Hause niemand mehr auf mich wartet, werde ich traurig. Am schlimmsten ist es immer wenn ich von der Dialyse nach Hause komme. Früher hat meine Mutter an der Tür auf mich gewartet, das Radio lief, wir haben uns unterhalten. Jetzt ist es still, deshalb mache ich immer gleich das Radio an, und das läuft dann auch die ganze Zeit. Und Abends der Fernseher. Der Unterschied zur Dialyse ist immer noch schlimm für mich, da habe ich Gesellschaft, es wird geredet und gelacht, da ist alles noch wie immer. Aber dann komme ich nach Hause und alles ist anders. Deshalb suche ich mir gerade für die Dialysetage immer was zu tun, z.B. Saubermachen. Das ist dann zwar anstrengend aber es lenkt ab. Wenn mir vor drei Jahren jemand gesagt hätte, dass ich mal froh wäre, zur Dialyse gehen zu können, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Aber es ist jetzt so.Vielleicht ist meine Mutter ja noch irgendwo, ich habe ihren Sessel mitgenommen. Vielleicht sitzt sie abends darin und guckt mit mir zusammen Fernsehen, so wie früher. Vielleicht hat sie nachgeholfen, dass ich die Wohnung bekomme. Als kurz nach ihrem Tod der Shunt zu war, durfte ich erst noch nach Hause, meine Sachen holen. Als ich zum Krankenhaus zurück kam, war plötzlich genau über dem Krankenhaus ein

, vielleicht war das ja meine Mutter, und sie wollte mir sagen, daß sie da ist. Wer weiß das schon. Aber das viele Alleinsein tut mir gar nicht gut. Ich frage mich oft, was ich hier eigentlich noch soll, so ganz alleine ohne Familie, aber ehrlich gesagt, ich finde keine Antwort darauf. Nächste Woche holt die Nachbarin wieder ihre Zeitungen ab, vielleicht geht es mir dann erstmal wieder ein bisschen besser, wenn ich endlich mal wieder Gesellschaft hatte.
Das ist jetzt ordentlich lang geworden, aber vielleicht hat ja doch jemand die Geduld, es zu lesen

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Viele Grüße von Hachiko